Anlässlich der diesjährigen Manifesta im Ruhrgebiet (21. Juni – 4. Oktober 2026) werfen die Kunstsammlungen der RUB und das Kunstgeschichtliche Institut einen Blick in die Biennaleforschung.
Erstmals 1996 in Rotterdam veranstaltet, formierte sich die „nomadische“ Biennale vor dem Hintergrund der politischen Umbrüche nach 1989 in Europa. Insbesondere in ihren frühen Ausgaben waren Aspekte der Demokratisierung sowie die Beziehungen zwischen Ost- und West zentral und verbanden sich mit dem Anspruch, durch die Förderung junger Künstler*innen kulturelle Vielfalt und transnationalen Zusammenhalt zu stärken. Drei Jahrzehnte nach ihrer Gründung und einer sich zeitgleich vollziehenden „Biennalisierung“ rücken heute zunehmend kritische Fragen nach organisatorischer Umstrukturierung, Gentrifizierung und Nachhaltigkeit in den Vordergrund.
In Zeiten multipler Krisen, geprägt von autoritären Tendenzen, Kriegen, Klimawandel, sozialer Ungleichheit und Wohnungsnot diskutieren Akteur*innen aus Theorie und Praxis anhand historischer und zeitgenössischer Beispiele die ambivalente Rolle von Biennalen und vergleichbaren Großereignissen in Momenten strukturellen und politischen Wandels.
Mit: Erdem Çolak, Jeannette Brabenetz, Gürsoy Doğtaş, Julia Lerch Zajączkowska, Britta Peters, Vittoria Martini, Matteo Bertelé und Annabel Ruckdeschel.
Organisation/Organization: Fiona McGovern, Maria Bremer und Alexia Pooth
Veranstaltungssprachen/Event languages: Deutsch, Englisch / Terman, English
Die Veranstaltung am 15. Juli findet im Museum unter Tage statt!
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Gefördert von der Gesellschaft der Freunde der RUB e. V. und dem Aktionsfonds Demokratie gefördert.
23. Juni 2026, 18:00 Uhr
Vortrag von Erdem Çolak, Moderation: Maria Bremer, Fiona McGovern und Alexia Pooth
Manifesta, the European Biennial of Contemporary Art, has served as a unique example both among art biennials and within the broader art scene from the early 1990s to the present. The distinctive significance of Manifesta stems not only from the necessity to adapt itself to the diverse urban, political, economic, cultural, and artistic conditions imposed by its nomadic character but also from its ability to sail in rough waters of the global art world over the past three decades. This lecture will first examine key editions of Manifesta within the contexts in which they were realized and analyze the discourses and practices that have both overlapped and diverged over time. It will then broaden the perspective to explore the possibilities and limitations of organizing a biennial within today’s all the more authoritarian and neoliberal political and artistic conditions. The central argument to be emphasized throughout the lecture is that in an era where biennials have secured their place in the contemporary art field and are increasingly losing their trait of being an alternative model, the question “why to biennial” has become a more urgent issue than “how to biennial.”
01. Juli 2026, 14:00 Uhr
Podiumsdiskussion mit Jeannette Brabenetz, Gürsoy Doğtaş, Julia Lerch Zajączkowska und Britta Peters, Moderation: Fiona McGovern
Mit dem Anspruch als „incubator for change“ zu fungieren, setzt die diesjährige Ausgabe der Manifesta darauf, im Zusammenspiel von lokalen und internationalen Akteur:innen ungenutzte Kirchen aus der Nachkriegszeit in „communal spaces that foster dialogue, community cohesion and artistic innovation“ zu verwandeln. In der Podiumsdiskussion wird der Frage nachgegangen, wie nachhaltiger Wandel durch Kunst in einer postindustriellen Region wie dem Ruhrgebiet umgesetzt werden kann und welche Herausforderung dies mit sich bringt. Dabei wird der Ansatz der diesjährigen Manifesta in Bezug gesetzt zu anderen Großereignissen und deren Nachwirkungen wie der Kulturhauptstadt RUHR.2010, aus der der Zusammenschluss der RuhrKunstMuseen und die auf Gegenwartskunst und den öffentlichen Raum fokussierenden „Urbane Künste Ruhr“ hervorgegangen sind. Zugleich wird der Bogen zur letztjährigen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 geschlagen, die unter dem Motto „C the Unseen“ stand. Thema der Diskussion ist somit auch die Frage nach den Parallelen und Differenzen der jeweiligen Realisierungsbedingungen, Formen der Teilhabe und Rezeption.
14. Juli 2026, 18:00 Uhr
Vortrag von Vittoria Martini, Moderation: Maria Bremer
Weaving together institutional history, urban legislation, and geopolitical critique, this talk traces the transformations that have progressively separated the Venice Biennale from its city: from the Fascist nationalization of 1938 to the privatization of 1998, from the gradual closure of the Giardini di Castello to public use, through to the recent concession granted to Qatar over a portion of land protected as environmental and historical heritage. Across this timespan, the extractive model inaugurated by the Venice Biennale’s 1930 to 1943 president Giuseppe Volpi — who conceived of the city and the institution as resources to be placed at the service of capital and state diplomacy — has never been truly interrupted. The lecture identifies within the Biennale’s own history the traces of unrealized utopias, namely the “moral public patrimony” proposed in 1974, the “condominium” envisioned by the Municipality of Venice in 2006, the petition launched by Venezia c’è in 2024, each pointing toward practicable alternative paths. The conclusion is clear: returning the Biennale to its city is not a utopia. It is a matter of political will.
15. Juni 2026, 18:00 Uhr, Museum unter Tage (Bochum-Weitmar)
Podiumsdiskussion mit Matteo Bertelé und Annabel Ruckdeschel, Moderation: Alexia Pooth
Die erste Teilnahme Russlands an der diesjährigen 61. Venedig-Biennale nach Vollinvasion der Ukraine ist höchst umstritten; zugleich wird der Deutsche Pavillon erstmals postsowjetisch statt westlich gelesen. Die aktuellen Kontroversen um künstlerische Produktion und nationale Repräsentation, Fragen nach Transformations- und Erinnerungsgeschichten sowie die weiterhin virulente Debatte um Ost und West betreffen – wenn auch auf unterschiedliche Weise – beide Ausstellungräume. Die Podiumsdiskussion ordnet diese Entwicklungen historisch ein. Welche Rolle spielte der russische Pavillon im Kalten Krieg? Welchen Stellenwert hatten Biennalen und Triennalen im Ostblock und in der DDR? Lassen sich in der aktuellen Debatte Spuren dieser Geschichte erkennen? Und welche Bedeutung haben die langen Ausstellungstraditionen und Diskurse des Ostblocks heute noch für kuratorische Praktiken in Venedig und darüber hinaus?
16. Juli 2026, 16:15 Uhr
Die von Studierenden der RUB konzipierte Ausstellung Kunst Geld Skandal – was von der WestLB übrig bleibt präsentiert Werke aus den ehemaligen Kunstbeständen der Westdeutschen Landesbank, die nach Auflösung der WestLB als Dauerleihgaben an verschiedene Museen in NRW übergingen. Der einzigartige Bestand der RUB umfasst Werke von Imi Knoebel, Katharina Grosse, Josef Albers, Sol LeWitt und Thomas Struth. Die Arbeiten erzählen nicht nur von künstlerischen Positionen, sondern auch von den Wegen, die Kunstwerke durch Institutionen, Sammlungen und öffentliche Verantwortung nehmen.
Museale Praxis – wie geht das?
Im Rahmen des Meet & Talks am 16. Juli 2026 ab 16:15 Uhr berichten die Studierenden des Seminars über die Entstehung des Projekts, diskutieren Möglichkeiten und Grenzen musealer Praxis an der RUB und bieten Einblick in die faszinierende Liaison von Kunst und Finanzgeschichte. Anschließend an eine kurze Führung besteht Gelegenheit zum gemeinsamen Gespräch. Dazu gibt es Limonade.